Lauer-Umfrage zur Niedersachsen-Wahl: Kommunikationskultur und Chaos (Teil 3)

Christopher Lauer hat rumgefragt, warum die Piraten bei der Wahl in Niedersachsen so schlecht abgeschnitten haben. Die Antworten waren sehr deutlich: Der Umgangston bei den Piraten ist unter aller Sau. Teil 3 meiner Analyse.

Umgangsformen

tl;dr: Das Orangefarbene lesen.

Der am meisten genannte Kritikpunkt in der Lauer-Umfrage sind die miesen Umgangsformen innerhalb der Piratenpartei. Unsere Sympathisanten sind von unreifem, pubertären Verhalten, internen Gezänk und Shitgestorme nur noch genervt. Und einer Partei, die ihre eigenen inneren Probleme nicht in den Griff bekommt, traut man auch nicht zu, die politischen Probleme Deutschlands zu lösen: Wenn die Piraten sich im Vorfeld schon so zerstreiten, wie sollen sie dann im Bundestag konstruktiv zusammenarbeiten? Wenn die mit einander so umgehen, wie gehen sie dann mit uns (wir sind das Volk) um, wenn wir ihnen Macht geben?

Einige laute Trolle, Idioten, Sexisten und Rassisten bestimmen das öffentliche Bild der Partei stärker als all die vielen, die sich jeden Tag in ganz Deutschland idealistisch und unbezahlt den Allerwertesten für die Piraten aufreißen und stärker als unsere Vertreter in Landes- und Kommunalparlamenten, die oft einen sehr guten Job machen. Auch über den BuVo wird nur dann geredet, wenn es Zoff gibt.

Wir haben Kommunikationsmuster kultiviert, die Eskalation fördern statt Konflikt- oder Problemlösung:
– Twitter-Shitstorms: Jede witzig-böse Bemerkung triggert zehn neue. So schaffen wir es, aus jedem Flohfurz ein Elefantengate zu machen.
– Mailinglisten, wo jeder zu jedem Thema nach Herzenslust mitpöbeln kann: So entsteht aus einem Streit zwischen 2 Personen eine Massenkeilerei auf dem Schulhof. Wer als erster einlenkt, hat verloren, wer das letzte Wort hat, gewinnt.
– Mobbingmentalität. Ich wünsche uns ein bisschen mehr Respekt für die Menschen, die sich für uns in der Öffentlichkeit exponieren, ob ehrenamtlich oder in Parlamenten. Wir brauchen diese Köpfe, um unsere Themen nach außen zu tragen. Machen wir sie bitte nicht kaputt.

Speziell sensiblere Naturen, darunter viele Frauen, leiden unter dem rüden Kommunikationsklima. Wer Angst vor Shitstürmen hat, traut sich bald gar nicht mehr, in der Öffentlichkeit was zu sagen außer Phrasen. Wollen wir das?
Ist das wirklich die Art Kultur, die wir in unserem Heimatbiotop, dem Internet, dulden, leben und pflegen möchten? Entspricht das eurem Menschenbild, entspricht das der Gesellschaft, die ihr euch wünscht?
Ich glaube, wir brauchen gar keinen Piratenknigge. Wir müssen nur im Umgang mit einander das leben, was wir predigen: Eine offene, tolerante, gerechte, wertschätzende und fürsorgliche Gesellschaft. Ich weiß, wir können das.

Und wenn 2 ein Problem mit einander haben: Transparenz politischer Entscheidungfindungsprozesse bedeutet nicht, dass wir jeden persönlichen Konflikt über Twitter und Mailinglisten austragen sollten. Miteinander reden statt über einander twittern hilft. Auch das ist Medienkompetenz. Kann man lernen.

Konkurrierende Parteien und einige Medien werden im Wahlkampf ohnehin ein großes Interesse daran haben, uns als zerstrittenen Haufen unreifer Chaoten darzustellen. Spielen wir ihnen nicht noch in die Hände. Nutzen wir unser Talent, Empörungswellen loszutreten, im Wahlkampf doch ausnahmsweise mal nicht gegen uns selbst sondern lieber gegen den politischen Gegner!

*   *   *   *   *   *   *   *   *

geradeaus_metaphora

Chaostruppe: unklare Strukturen

 tl;dr: Unklare Strukturen in der Piratenpartei sind die Ursache für viel von dem Gezänk und für unsere öffentliche Sprachlosigkeit bei vielen Themen.
Und wir müssen raus aus unserer Filterbubble.
Wir erlauben kaum offizielle hierarchische Strukturen in der Piratenpartei. Das führt dazu, dass sich inoffizielle Hackordnungen bilden, und das geht mit einem mächtigen Gehacke und Gekrähe einher.

Unklare Strukturen tragen einen großen Teil zu dem oben beschriebenen Problem bei – einem latenten Dauergezänk: Wer ist wofür zuständig? Wer darf was oder darf was nicht? Wer darf für die Partei sprechen und mit welcher Legitimation? Darf überhaupt irgendjemand sprechen zu Dingen, über die es noch keine in Stein gemeißelten Parteitagsbeschlüsse gibt? Und wenn nicht, wie sollen wir uns dann im Bundestagswahlkampf in Debatten positionieren, die plötzlich in den Medien aufpoppen? Wenn wir einen Wahlkampf führen wollen, müssen wir kampagnenfähig werden. Wir müssen sprechfähig werden, wenn wir die wichtigen Debatten nicht verpennen wollen.

Wenn Zuständigkeiten unklar sind und die Abstimmung fehlt, werden Dinge überhaupt nicht gemacht oder sie werden doppelt gemacht, und dann fühlen sich die, die für die Tonne gearbeitet haben (zu Recht) missachtet und wir bremsen uns gegenseitig aus.
Wir brauchen klare Regeln über Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten.

Wir agieren zu sehr in der eigenen Filterbubble, beschäftigen uns mit uns selbst.
Für Nichtpiraten ist es schwer, erstmal überhaupt einen Zugang zu finden. Wir benutzen eine hermetische Sprache (Meme, Abkürzungen, seltsame Tools, Insidersprüche, Ironien, Fachbegriffe), die Nichteingeweihte nicht verstehen. Als Nerd ist man es gewohnt, sich mit Leidenschaft in neue Codes einzuarbeiten. Wer das nicht will oder kann, versteht nur Bahnhof und bleibt außen vor. Speziell ältere Menschen und Offliner fühlen sich dadurch ausgegrenzt und abgeschreckt. Das widerspricht unserem Credo von Teilhabe und Barrierefreiheit.
Transparenz heißt nicht, dass alles „irgendwo im Wiki“ steht oder in irgendeinem geschlossenen Pad mit kryptischer Nummer. Transparenz heißt, dass Informationen auch auffindbar und verständlich sind. (Schonmal versucht, Informationen über die Position der Piraten zum Thema Kulturförderung zu suchen und zusammenzutragen? Viel Spaß.)

Ich habe übrigens den Verdacht, dass wir uns bei der Lauer-Umfrage auch wieder in so einer typischen Piratenfilterbubble befinden. Die Frage, welche guten Gründe es geben mag, andere Parteien zu wählen, was die besser machen als wir, um 98% der Wähler zu überzeugen, kommt überhaupt nicht vor. Wir beschäftigen uns mit piratentypischem Tunnelblick wieder nur mit uns selbst. Wie ein Fußballer, der seinen Gegenspieler überhaupt nicht wahrnimmt und sich dann wundert, wenn er den Ball abgenommen kriegt. Aber die konkurrierenden Parteien, das sind die, gegen die wir im Wettbewerb antreten müssen. Gegen die wir uns profilieren müssen. Mit denen wir nach der Wahl, wenn es gut läuft, zusammenarbeiten werden.

*   *   *   *   *   *   *   *   *   *

Wir sind neu, wir sind anders, und das ist gut so.

Wir sind Wegbereiter für etwas Neues, d.h. wir werden unseren Weg erstmal selber suchen und durch den Dschungel schlagen müssen. Bestehendes in Frage stellen. Neue Wege ausprobieren. Auf die Fresse fliegen, wieder ausstehen und weitermachen. Auch Politik ist ein Handwerk, das man erst erlernen muss. Wir brauchen Geduld statt kurzfristigem Erfolgsdenken.

Was neu ist, stößt erstmal auf Widerstand, das ist normal. In Krisenzeiten, wo alles so unsicher erscheint, neigen die Leute noch mehr zu Risikovermeidungsverhalten als ohnehin schon, auch beim Wählen. Es ist schwer, gegen die Beharrungskräfte eingeschliffener Gewohnheiten und Wahrnehmungsmuster zu kämpfen. Aber wir müssen ja nicht „mehrheitsfähig“ werden. Wir brauchen nur 5% zu überzeugen, dass wir es wert sind, dass sie uns eine Chance geben im September!

Und vor allen sollte Piratenarbeit wieder Spaß machen! Mit Begeisterung und Herzblut, neugierig, ehrlich, offen, erfinderisch, unkonventionell, verspielt, hinterfragend. Damit wir nicht vergessen, warum wir den Scheiß hier eigentlich machen.

Das kriegen wir doch hin, oder?

metaphora. Ein Basispirat.

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7 Responses to Lauer-Umfrage zur Niedersachsen-Wahl: Kommunikationskultur und Chaos (Teil 3)

  1. xxx says:

    Tut mir leid, aber Teil3 deiner Analyse ist total unstrukturiert.

    Eines aber stimmt ganz sicher, die Piraten leben nicht die eigenen Werte und das kostet Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit ist das Einzige, womit man Politik und Bürger wieder zusammenführen kann. Und das Bestreben seiner eigenen Ideale gerecht zu werden, ist das Einzige was die Gesellschaft wirklich verändert. Alles andere sind nur Lippenbekenntnisse und Traumschlösser.

    • Michael says:

      leider muss ich dir zustimmen. teil 1 und teil 2 sind da etwas besser gelungen.
      generell waere eine trennung zwischen zusammenfassung/sortierung der kommentare mit anschliessender analyse/auswertung/gewichtung und darauf folgender handlungsempfehlung sowie persoenlicher meinung wuenschenswert gewesen… aber hey, da kommt der perfektionist und klugscheisser in mir durch…

      das ist ein persoenliches blog, und da kann stehen was will.. von mir aus auch mit vielen farben, und in bunt… 😉

      trotzdem: ich finde es toll, dass sich jemand ueberhaupt mal die muehe gemacht hat. dickes lob dafuer! 🙂

      • metaphora says:

        Danke für das Lob! Wenn ich es so “wissenschaftlich” gemacht hätte, wäre das ein Buch geworden. Und für eine ordentliche Statistik ist die Datenlage doch zu dünn und die Quelle (Menschen, die Christophers Blog lesen) zu un-unabhängig.
        Außerdem bin ich Semantiker, kein Marketingfuzzi. 😉

  2. Guido Stepken says:

    Interessante Statements. Metaphora ist *wer*?

  3. Stahlrabe says:

    Also das mit den Strukturen und Zuständigkeiten….
    +1
    +1
    +1
    Anarchie findet in hinreichend großen Arbeitseinheiten sehr schnell ihre Grenzen.
    Stahlrabe

  4. Uwe says:

    Ich stimme dir vollkommen zu, auch das ist meine Analyse. Danke für die Ausarbeitung.

  5. Dirk says:

    Warum gibt es bei den Piraten nicht so was wie ein Ausschlussverfahren wenn jemand zu oft gegen die Partei Benimmregeln verstößt ?

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