Lauer-Umfrage zur Niedersachsen-Wahl: Köpfe und Medien (Teil 2)

Christopher Lauer hat eine Umfrage gemacht, um herauszufinden, warum die Piraten bei der Wahl in Niedersachsen so schlecht abgeschnitten haben. Hier also Teil 2 meiner Analyse:
Plakate_metaphora

 Köpfe

tl;dl: Menschen wählen Menschen in Parlamente, nicht Programmhefte. Die Köpfe der etablierten Parteien kennen die Wähler schon. Unsere noch nicht. Das müssen wir ändern.
Deutschland ist eine repräsentative Demokratie.
Der demokratische Beitrag der meisten Menschen beschränkt sich darauf, alle 4 Jahre ein Kreuz zu machen und darauf zu vertrauen, dass „ihre“ Politiker es schon richten werden für sie.
Die Massenmedien tragen zu einer fortschreitenden Personalisierung (und Skandalisierung) der Politikberichterstattung bei. In den Medien wird uns außerdem suggeriert, die Probleme, mit denen sich Bundespolitiker herumschlagen müssen, seien eh so komplex, dass wir normale Menschen sie gar nicht verstehen und den Profis blind vertrauen müssen.

Die Piraten wollen das ändern: Wir versprechen den Wählern, dass sie bei uns auch zwischendurch über Sachentscheidungen mitbestimmen können. Wir trauen mündigen Bürgern das zu. Theoretisch.
Aber das ist im System nicht vorgesehen. Und solange wir nicht leben, was wir predigen, solange wir keine technische Lösung finden, die es ermöglicht, auch zwischen Parteitagen tragfähige, demokratisch legitimierte Entscheidungen zu treffen und Beschlüsse zu fassen, sind Piratenabgeordnete genauso 1.0-Politiker wie alle anderen auch. D.h., wir müssen ihnen vertrauen: Kandidaten, denen man zutraut, gute Piratenpolitik zu machen, müssen glaubwürdig die Ziele der Piratenpartei vertreten.
Karrierepolitiker, die aus Egoismus und Eigennutz (Macht, Geld, Talkshowruhm) in die Politik gehen, gibt es bei anderen Parteien schon genug, genau diese Sorte fördert die Politikerverdrossenheit. Denen traut keiner mehr zu, unkorrupte, transparente, uneigennützige Politik zu machen. Und Vertrauen in die Person ist in einer Partei ohne Fraktionszwang besonders wichtig.

Teilnehmer der Lauer-Umfrage sich wünschen sich von ihren Politikern: Fachliche Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit, Teamfähigkeit, Manieren, Disziplin, Medienkompetenz, Ehrlichkeit, Authentizität, Empathiefähigkeit und ein seriöseres, „erwachsenes“ , unpeinliches Auftreten.

Übrigens: Stellen wir uns im Wahlkampf auch auf Kampagnen gegen einzelne Personen ein: Wenn uns politische Konkurrenten für wichtig genug halten, werden sie versuchen, Piratenkandidaten und „Spitzenpiraten“ persönlich anzugreifen. Wir sollten die von uns gewählten Vertreter in dem Fall nicht allein im Regen stehen lassen oder gar beim shitstürmen mithelfen, sondern uns hinter sie stellen.
Das bringt uns zu:

*   *   *   *   *   *   *   *   *

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Medien und Außenwirkung

tl:dr: Das öffentliche Bild der Piratenpartei ist geprägt von Trollen statt von Inhalten. Und das schönste Programm mit den besten Inhalten nützt uns nichts, wenn die Wähler nicht wissen, dass wir eins haben. Für Außenstehende wirkt die Piratenpartei unzugänglich und arrogant.

Am Anfang waren die Piraten für die Medien interessant, weil sie neu waren. Aber „neu“ ist keine Qualität sondern ein Zustand. Neuhippe Dinge haben die Angewohnheit, schnell alt und langweilig zu werden. Die Piraten wurden von den Medien erst gehypt, jetzt werden sie ab-geschrieben. Oder kommen gleich gar nicht mehr vor.

Dazu muss man wohl auch in Rechnung stellen, wie Journalisten ticken. Ihre oberste Priorität ist nicht, eine Partei fair und sachlich darstellen. Ihre oberste Priorität ist es, Zeitungen zu verkaufen und Klickzahlen und Quoten zu optimieren. Die Aufmerksamkeitsökonomie belohnt Polarisierung, Personalisierung und Skandalisierung.
Newsrelevant ist eine Meldung, wenn sie:
– neu ist
– ein tagesaktuell wichtiges Thema betrifft
– eine wichtige, öffentlich bekannte Person betrifft
– eine Kontroverse oder einen Skandal verspricht, den man dann weiter ausschlachten kann
– irgendwas mit Sex oder Fußball zu tun hat.
„Piratenfraktion macht ordentliche Arbeit im AGH“ ist nach diesen Kriterien keine newsrelevante Meldung. Es gelingt uns nicht gut genug, unsere Erfolge zu kommunizieren.

Viele Teilnehmer der Lauer-Umfrage wünschen sich eine professionellere Pressearbeit bei den Piraten.
Ich auch.
Wichtig wäre für den Bundestagswahlkampf eine gute Vernetzung und Abstimmung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit innerhalb der Piratenpartei, damit die Bundespiratenpresse, die Pressestellen der Fraktionen, die Pressezuständigen der Landesverbände und anderer Gruppen ihre Arbeit besser auf einander abstimmen können und damit wir die verschiedenen Medienkanäle, die wir zur Verfügung haben (PMs, Interviews, Talkshows, Websites, Blogs, Twitter, Apps, …) gezielter und effektiver einsetzen können.
Medienvertreter sollten sich schnell und einfach informieren können, wer für welches Thema der passende Ansprechpartner ist und wie die am besten zu erreichen sind. Vielleicht brauchen wir tatsächlich mehr offizielle Sprecherpositionen.

Die Antworten der Lauer-Umfrage zeichnen jedenfalls ein erschreckendes und jämmerliches Bild der Piratenpartei in der Öffentlichkeit: Auf Außenstehende wirken wir narzisstisch, überheblich, besserwisserisch, kindisch und unseriös. Die Partei scheint hauptsächlich aus Idioten, Taugenichtsen, Eso-Spinnern, Wichtigmachern, Trollen, Sexisten und Rassisten zu bestehen und aus Selbstdarstellern, die „ihren eigenen Karriere-Ego-Trip fahren“.

Das Bild ist falsch. Grundfalsch.
Ich erlebe an meinem Stammtisch jede Woche eine freundliche Atmosphäre und konstruktive, gute kommunalpolitische Arbeit. Ich beobachte in Berlin eine Piratenfraktion im AGH, in der Herr Lauer und seine FraktionskollegInnen und ihre GeschäftsstellenmitarbeiterInnen professionelle Parlamentsarbeit machen.
Ich habe als Wahlkampfhelferin im deutschlandweit verschrienen Trollnest Hannover so viel Herzlichkeit, Offenheit, Zusammenhalt und uneigennütziges Engagement erlebt, dass ich ganz begeistert bin. Es war wie eine große Familie. Es gibt sehr unterschiedliche Charaktere und jeder einzelne ist wichtig, weil jeder etwas Besonderes beizutragen hat. Jeder Held hat andere Superkräfte. Wir können tolle Dinge erreichen, wenn wir zusammenarbeiten statt gegen einander. Natürlich zankt man sich auch mal, wie in jeder guten Familie, aber bei der nächsten Regen-Plakatier-Session oder dem nächsten Infostand im Schneetreiben hält man wieder zusammen. Das war eine tolle Erfahrung.
Aber so etwas taucht kaum auf in der Außenwahrnehmung der Piraten.

Wie kommt das?

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5 Responses to Lauer-Umfrage zur Niedersachsen-Wahl: Köpfe und Medien (Teil 2)

  1. Rudi says:

    Vielen Dank, auch für den anderen Teil der Auswertung.
    Magst Du noch die Anzahl der Nennungen (also Deine “Strichliste”) übertragen ?

  2. metaphora says:

    Mag ich nicht. Viele der Antworten passen nicht 1:1 in das Schema und die Qualität der Aussagen ist für mich wichtiger als die Anzahl der Nennungen. Die am häufigssten genannten Stichworte waren: “Selbstzerfleischung” und “Johannes Ponader”. Das hilft uns aber nicht wirklich weiter.
    Deswegen habe ich versucht, die Rohdaten (3 Antworten x 3 Fragen x 150 Teilnehmer = 1500 Einzelinformationen) nach Themen zu ordnen und zu interpretieren.

  3. fortuna27167 says:

    Vielen Dank für diese Analyse. Mir geht es genau so, ich sehe überall in der Piratenpartei tolle Leute die kompetent sind und sich ganz viel Mühe und Arbeit machen. Und auf der anderen Seite unkritische aus den Medien übernommene Äusserungen der Menschen auf der Straße über die Piratenpartei. Ich denke das wird sich ändern, wenn die Piratenpartei die Kommunalparlamente entert. Die Berichterstattung auf dieser Ebene ist viel weniger auf Polarisierung und Skandalisierung angewiesen, als die überregionale Berichterstattung sondern beschreibt vielmehr die konkrete Parlamentsarbeit vor Ort; und das kriegen ganz viele Menschen dann auch mit.
    Gruß
    fortuna

  4. metaphora says:

    @fortuna: Danke. Guter Punkt. In Berlin läuft das ja schon ganz gut.

  5. xxx says:

    Es gibt engagierte und fähige Leute in der Partei, leider gibt es aber auch unendlich viele Armleuchter. Solange es keine klare Abgrenzung gibt, solange werden die Armleuchter die Wahrnehmung der Piraten in den Schmutz ziehen.

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